Kunde oder Terrorist?

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 2. Juli 2014. Abgedruckt in: Frank Schirrmacher (Hg.): Technologischer Totalitarismus. Eine Debatte. Suhrkamp Verlag, Berlin 2015, S. 247-256.

Es steht nicht gut um die Demokratie. Die Wahlbeteiligung in den Ländern des Hochkapitalismus geht seit Jahrzehnten zurück; die Parteien verlieren Mitglieder und überaltern; den Gewerkschaften geht es genauso; fiskalische Konsolidierung und sklerotische öffentliche Haushalte treiben den politischen Handlungsspielraum gegen null; die „Märkte“ disziplinieren die Staaten, nicht umgekehrt; Sozial- und Wirtschaftspolitik sind längst in die Hände von Zentralbanken, Ministerräten und internationalen Organisationen übergegangen, wo sie vor dem Volkswillen sicher sind; in der Mitte der „marktkonformen Demokratie“ (Merkel) gibt es zum Neoliberalismus „keine Alternative“ (Thatcher); als Folge haben Rechts- und Protestparteien Zulauf wie nie zuvor seit dem Krieg; und was an Wahlprogrammen in Umlauf gebracht wird, wird für teures Spenden- oder Steuergeld von Marketingspezialisten hergestellt, denen egal ist, dass die Pakete, die sie verpacken, alle gleich leer sind. „Postdemokratie“, so weit das Auge reicht. Weiterlesen

„Alles kommt einmal zum Ende“

Gespräch mit Mathias Greffrath im Deutschlandfunk, 12. April 2015

Wolfgang Streeck, Sie sind emeritierter Direktor am Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung in Köln. Vor zwei Jahren haben Sie ein Buch geschrieben, „Gekaufte Zeit: Die vertagte Krise des demokratischen Kapitalismus“. Und vor einem Jahr erschien ein Aufsatz mit dem Titel „Wie wird der Kapitalismus enden?“ Nicht, ob er enden wird, ist da die Frage, sondern wie er enden wird. Das ist ja eigentlich eine starke Aussage. Sie sind Soziologe. Was unterscheidet eigentlich den Blick eines Soziologen auf die Krise und auf den Kapitalismus vom Blick eines Ökonomen?

Also zunächst mal würde ich sagen: Was der Soziologe kann und der Ökonom können sollte, ist, seine Beobachtung in einen historischen Kontext zu setzen. Das anscheinend Sensationelle des Gedankens über das Ende des Kapitalismus ist ja eigentlich nur, dass man sich klar macht, dass diese Gesellschaftsformation irgendwann Anfang des 19. Jahrhunderts in Europa und Amerika angefangen hat, und alles, was geschichtlich anfängt, steht in dem Verdacht, dass es irgendwann auch mal zum Ende kommt. Und ich denke, dass auch die Ökonomen eigentlich – und die klassische Ökonomie hat das ja gewusst. Die klassische Ökonomie hat ja immer auch über den Übergang zu einer neuen Gesellschaftsformation in einer dynamischen, modernen Gesellschaft spekuliert, das beginnt mit Ricardo, Marx, Sombart, was weiß ich alles. Und insofern ist das gar nicht dramatisch. Dass man heute Gründe hat, darüber verschärft nachzudenken, darüber werden wir uns ja noch unterhalten. (…)

Audio-Mitschnitt hier

Governance heißt das Zauberwort, das alle Konfusion beenden soll

Besprechung von Helmut Willke, Demokratie in Zeiten der Konfusion, Suhrkamp Verlag, Berlin 2014

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 31. März 2015

An Demokratiebegriffen herrscht kein Mangel, aber mit gutem Willen kann man sie in zwei Gruppen unterteilen: Demokratie als Problemlösung und Demokratie als Umverteilung. Einmal geht es um Effizienz und Kompetenz und um Probleme der Gesellschaft als ganzer, und Demokratie ist nötig, weil sie „intelligenter“ ist (Charles Lindblom) und „pathologisches Lernen“ in den Entscheidungszentren verhindert (Karl Deutsch): eine gute Demokratie ist die beste Technokratie. Ein andermal geht es um Gerechtigkeit – oder das, was der Demos dafür hält: den Schutz der kleinen Leute vor den großen. Demokratie zieht Probleme vor, die sonst nur weit hinten kämen; erschwert die Umwandlung öffentlicher in private Gewalt; ist nicht immer intelligent, dafür aber ein Dauerrisiko für die Chefetagen; plebejisch – oder heute: „populistisch“ – statt akademisch; explosiv; unsauber wie das Leben und eine ständige Mahnung für Befehlshaber aller Art, ihre Interessen nicht für die aller anderen zu halten. Weiterlesen

Sparen um jeden Preis

Besprechung der deutschen Übersetzung des Buchs von Mark Blyth, Austerity: The History of a Dangerous Idea (Wie Europa sich kaputtspart: Die gescheiterte Idee der Austeritätspolitik. Berlin: Verlag J.H.W. Dietz Nachf.).

Ungekürzte Fassung. Süddeutsche Zeitung, 24. Februar 2015

Was ist wichtiger in der Politik, Ideen oder Interessen? Mark Blyth, Politikwissenschaftler an der Brown University in Providence, Rhode Island, hat schon früh auf den Primat von Ideen gesetzt. Politik, so Blyth, kann falsch oder richtig sein; richtig aber nur, wenn sie nicht falschen Ideen aufsitzt. Falsche Ideen können zu Obsessionen werden; um sie auszuräumen, braucht es Wissenschaft, aber auch Rhetorik. Beides liefert Blyth in seinem zuerst 2013 und nunmehr auch auf Deutsch erschienenen eindrucksvollen Buch. Weiterlesen

Es ist so weit

Erschienen in leicht gekürzter Fassung am 5. Feburar 2015 in der Wochenzeitung Die Zeit. Französische Übersetzung in Le Monde vom 3. März, englische Übersetzung im Verso Books Blog und niederländische Übersetzung im Blog des Leesmagazijn Verlags.

Wenn alles gutgeht, ist das, was sich dieser Tage vor unser aller Augen abspielt, der Anfang vom Ende der Europäischen Währungsunion. „Scheitert der Euro, so scheitert Europa“, so die Kanzlerin, als es darum ging, den Wählern einen dieser unsäglichen „Rettungsschirme“ für die europäischen Banken zu verkaufen. Umgekehrt wird nun ein Schuh daraus. Der Euro ist dabei, Europa zu zerstören. Scheitert der Euro – aber das muss rasch geschehen! – könnte es sein, dass Europa am Ende doch nicht scheitert. Sicher freilich ist das nicht; zu tief sind die Wunden, die die Währungsunion schon geschlagen hat. Weiterlesen

„Das kann nicht gutgehen mit dem Kapitalismus“

Wirtschaftswoche Online, 8. Januar 2015

Herr Streeck, Sie kündigen das nahende Ende des Kapitalismus an. Wie kann ein Gesellschaftssystem enden, das den meisten Menschen auf der Welt alternativlos scheint und das kaum jemand abschaffen will?

Zunächst habe ich einfach darauf aufmerksam gemacht, dass auch der Kapitalismus ein historisches Phänomen ist. Als Gesellschaftsordnung ist er nicht älter als rund zwei Jahrhunderte. Was einen Anfang hat, hat auch ein Ende. Allerdings müssen wir uns frei machen von dem Fortschrittsglauben, der noch aus dem 19. Jahrhundert stammt. Dieser besagt, dass eine Gesellschaft nur enden kann, wenn sie von einer besseren abgelöst wird. Ich glaube, dass es gute Gründe dafür gibt, anzunehmen, dass der Kapitalismus nicht durch eine Revolution abgeschafft oder überwunden wird, sondern von selbst verendet. Es gibt viele Symptome des Niedergangs, aber am wichtigsten sind drei langfristige Trends in den hochentwickelten, kapitalistischen Ländern. Weiterlesen

Falscher Fortschrittsglaube

Handelsblatt, 31. Oktober 2014

Nicht jede Krise endet mit einer Lösung: nach der Krise kann vor der Krise sein. Manchmal endet eine Krise aber auch mit einem Ende. Dass der Kapitalismus von heute sich in einer Krise befindet, ist mittlerweile ein Gemeinplatz. Aber geht es mit ihm zuende? Seit es den Kapitalismus als Gesellschaft gibt, also seit dem späten 18. und frühen 19. Jahrhundert, wurde ihm sein bevorstehender Untergang vorhergesagt: von John Steward Mill, Karl Marx, Max Weber, Joseph Schumpeter, John Maynard Keynes und anderen. Heute, durch Erfahrung klug geworden, zögern wir, uns in dieser Hinsicht festzulegen. Dies, obwohl wir wissen, dass es sich bei der kapitalistischen Gesellschaft, wie bei jeder anderen, um eine historische Formation handelt, die einen Anfang hatte und deshalb auch ein Ende haben müsste. Weiterlesen

Abschiedsvorlesung: „Gesellschaftssteuerung heute“

Abschiedsvorlesung als Direktor am Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung, Köln, 30. Oktober 2014

Blätter für deutsche und internationale Politik 1/2015, 63-80

Als ich anfing, Soziologie zu studieren, im Jahr 1966, habe ich mir das Fach mehr oder weniger als wissenschaftliche Anleitung zur Verbesserung der gesellschaftlichen Verhältnisse vorgestellt. Im Hintergrund meiner Entscheidung für die Soziologie stand eine Überzeugung, die sich irgendwie in den Teilen meiner Generation verbreitet hatte, die später die „68er“ genannt werden sollten: dass die demokratischen Freiheiten, die sozialen Rechte der „kleinen Leute“ und die neue Friedfertigkeit der damaligen Gesellschaft prekär waren und verteidigt werden mussten; dass dies von den damals Regierenden nicht unbedingt zu erwarten war; und dass ohne breite politische Beteiligung von unten die Katastrophen der nahen Vergangenheit, die man nicht mehr miterlebt hatte, deren Spuren aber noch überall zu besichtigen waren, sich wiederholen könnten. Von der Soziologie insbesondere erhoffte man sich Aufklärung über den tatsächlichen Charakter der Gesellschaft, in der man lebte: über das, was einem von denen, die Bescheid wussten, verschwiegen wurde, und darüber, welche Kräfte einer besseren Zukunft im Wege standen und wie man mit diesen fertig werden konnte – ein Wissen, das man an diejenigen weitergeben wollte, die noch keinen Zugang zu ihm hatten. Theoretische, politische und technische Fragen verschoben sich ineinander und waren am Ende nicht mehr zu unterscheiden: Wie war es um die tatsächlichen Machtverhältnisse in der Nachkriegsgesellschaft bestellt? Wer regierte wirklich? Was stand hinter dem Antikommunismus der Lehrpläne und der herrschenden Rhetorik? Was musste man lernen, was musste wer tun, um autoritäre Traditionen zu beenden, den gesellschaftlichen Fortschritt voranzubringen und der Ungleichheit der Klassenlagen und Lebenschancen ein Ende zu setzen? (…)

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How Will Capitalism End?

Published in New Left Review 87, May-June 2014 (Download [PDF]). Deutsch in Blätter für deutsche und internationale Politik, März und April 2015 (Download [PDF]). Französisch in Le Débat, Numéro 189, Mars-Avril 2016 (Zugriff [Paywall]).

Presented at the British Academy, London, January 23, 2014 (further information).

Liberalisierungsmaschine Europa

Carta, 6. Januar 2014

Wie steht es um die Finanzkrise in Europa? Aus Griechenland, Spanien und Portugal erreichen uns weiter schlechte Nachrichten, aber der DAX hat zum Jahresende einen Höchststand erreicht, und der große Crash, etwa eine Staatspleite Griechenlands, ist bislang ausgeblieben. Hat die Politik die Krise irgendwie doch halbwegs in den Griff bekommen?

Dem DAX ist es auch bis kurz vor 2008 sehr gut gegangen. Blasen erkennt man erst, wenn sie platzen. Ob ein griechischer Staatsbankrott ein „großer Crash“ gewesen wäre und für wen, weiß man nicht. „Die Politik“ hat gar nichts „in den Griff bekommen“; es war die Zentralbank und ihr Versprechen, unbegrenzt „Liquidität“ zu produzieren, die die Gold- und Geldmänner beruhigt hat. Man kann aber nur eine begrenzte Zeitlang unbegrenzt Geld produzieren; auch das könnte eine Lehre aus 2008 sein. Allerdings weiß man nicht, wie man von dem Tiger, auf dem man reitet, ohne gesundheitliche Schäden wieder absteigt. Weiterlesen