Sortiert, passiert

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 31. Mai 2021, Feuilleton, Seite 11.

Die Corona-Krise verändert den Bildungsprozess gerade der Jüngeren an empfindlicher Stelle: Die Auslese im Schulsystem nach den ersten Klassen wird vollends zur Farce. Ein Gastbeitrag.

Das Sortieren sehr kleiner Kinder in unterschiedlich angesehene Bildungs- und Berufswege nach Maßgabe gemessener Leistung und vermuteter Begabung, ihre Verteilung nach vier Schuljahren auf Gymnasium, Realschule, Gesamtschule und Hauptschule, ist eine bekannt absurde, im Ausland endlos bestaunte deutsche Spezialität. Wir haben uns an sie gewöhnt, ebenso wie an die immer wiederkehrenden Nachweise der mit ihr verbundenen harten Reproduktion sozialer Ungleichheit. Niemand stört sich mehr an der Trümmerlandschaft, die die Schulreformkämpfe der 1970er und 1980er Jahre übrig gelassen haben. Das Thema ist politisch erledigt. So vertraut, so sehr zur zweiten Natur ist uns das deutsche Sortiersystem geworden, dass wir uns nicht vorstellen können, auch nur ausnahmsweise von ihm abzulassen, und sei es in einer Jahrhundertkrise wie Corona, in der angeblich nichts mehr so bleiben kann, wie es war. (…)

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Letter from Europe: Not Over Yet

Sidecar, May 20, 2021.

If your country is part of an international empire, the domestic politics of the country that rules yours are your domestic politics too. Whoever speaks of the Europe of the EU must therefore also speak of Germany. Currently it is widely believed that after the German federal elections of 24 September this year, Europe will enter a post-Merkel era. The truth is not so simple. (…)

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Versión española:
No resuelta todavía, lejos de ello

El Salto, 23 de mayo, 2021.

Conviene no olvidar que el historial de Merkel como máxima dirigente de su partido es realmente pobre, habiendo perdido votos cada vez que ha disputado una contienda electoral.

Si tu país forma parte de un imperio internacional, las políticas domésticas del país que gobierna el tuyo forman parte también tu política interna. Quien quiera que hable de la Europa de la Unión Europea debe, por lo tanto, hablar de Alemania. Actualmente es moneda de curso corriente creer que, tras las elecciones federales alemanas del próximo 24 de septiembre, Europa entrará en la era pos Merkel. La verdad no es tan simple. (…)

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Deutsche Version:
Noch lange nicht vorbei

Makroskop, 22. Mai, 2021

Was Europa von Deutschland nach der Bundestagswahl erwarten darf. Und wie die Kanzlerkandidaten mit den aktuellen Problemen in der europäischen Politik umgehen werden.

In einem internationalen Imperium ist die Innenpolitik der Hegemonialmacht Teil der Innenpolitik aller anderen Länder. Wer vom Europa der EU spricht, muss daher auch von Deutschland sprechen. Derzeit wird allgemein angenommen, dass Europa nach den Bundestagswahlen im September in eine Nach-Merkel-Ära eintreten wird. In Wahrheit ist das nicht so einfach. (…)

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Letter from Europe: Scandal in Ankara

Sidecar, April 21, 2021.

The European Union has five Presidents: one for the Council, one for the Commission, one for the Parliament, one for the Central Bank, and one for the Court of Justice. (There are also any number of Vice Presidents; after all, we are talking about 27 member states.) Recently, two of the Presidents, those of the Commission and of the Council, went on a trip to see another President, the one-and-only-one of Turkey. From this resulted a scandal, one that is worth reflecting on at some length to continue to learn about that strange beast, the European Union, and its doings. (…)

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Versión española:
Dos presidentes y una presidenta

El Salto, 22 de abril, 2021.

El “sofagate” o cómo legitimar desde las presidencias de la Unión Europea al régimen de Recep Tayyip Erdoğan.

La Unión Europea tiene cinco presidentes/presidentas: uno del Consejo Europeo, otra de la Comisión Europea, otro más del Parlamento Europeo, otra aun del Banco Central y otro finalmente del Tribunal de Justicia Europeo. (Cuenta también con un número elevado de vicepresidentes y vicepresidentas; después de todo, estamos hablando de veintisiete Estados miembros). (…)

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Deutsche Version:
Ein Präsident zu viel. Oder zwei?

Makroskop, 21. April, 2021

Ist “Sofagate” der Anfang einer neuen wunderbaren Freundschaft, die Europa für seinen inneren Frieden braucht?

Die Europäische Union hat fünf Präsidenten: einen für den Rat, einen für die Kommission, einen für das Parlament, einen für die Zentralbank und einen für den Gerichtshof. (Es gibt auch eine beträchtliche Anzahl von Vizepräsidenten; schließlich handelt es sich um 27 Mitgliedstaaten.) (…)

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Die Gesellschaft ist keine Herde!

In: Cicero – Magazin für politische Kultur, Vol. 18, No. 4, April 2021, S. 120-124.

Die Politik hat sich lange verschanzt hinter einem Lockdown, der sie der Aufgabe enthob, zielgenau zu handeln. Das hatte viel mit einem falschen Bild von der Gesellschaft zu tun. Was wir wissen könnten, wenn wir es wissen wollten, und warum das wichtig wäre.

Am 4. März 2021 kam die Lockdown-Strategie der Pandemiebekämpfung unter dem Druck der Bevölkerung und im Angesicht der anstehenden Landtagswahlen zu ihrem verdienten Ende. Bis kurz vorher hatte es so ausgesehen, als sei die Regierung Merkel endgültig in die Hände einer radikalen Minderheit von Epidemiologen, Virologen und Philosophen gefallen, die die Gesellschaft durch noch längere, noch härtere Kontaktverbote („nur noch zwei bis drei Wochen“) auf Zero-Covid bringen wollte. (…)

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Letter from Europe: Accelerating Decay

Sidecar, March 22, 2021.

Spring is in the air, and Brussels should be buzzing with activity. Remember von der Leyen’s Next Generation EU (NGEU for short), the €750 billion ‘Corona recovery fund’ borrowed from the owners of capital and divided according to an incomprehensible formula between the member states, all 27 of them? This was agreed in July last year, and one might have thought that the EU would now be busy selling debt to its favourite banks. These would then sell the debt on to the European Central Bank, with a healthy profit, making their shareholders happy while fuelling quantitative easing, thereby keeping asset prices up and further adding to their shareholders’ happiness (‘stabilizing financial markets’ is the politically correct term). Well, we’re not bankers, so we don’t really need to know, and, anyway, isn’t such sensitive business better conducted behind closed doors? (…)

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Versión española:
Aceleración del declive

El Salto, 21 de marzo, 2021.

En algún momento alguien pondrá cifras a las muertes causadas por la Gran Ralentización de la Vacunación.

La primavera flota en el aire y Bruselas debería bullir de actividad. ¿Recuerdan ustedes el Next Generation EU Fund de von der Leyen, el NGEU expresado en su acrónimo, el fondo de “recuperación del coronavirus”, cuyo importe alcanza los 750 millardos de dólares procedentes del endeudamiento contraído con los propietarios del capital y que se dividió de acuerdo con una fórmula incomprensible entre los Estados miembros, esto es, entre la totalidad de los veintisiete Estados de la Unión Europea? (…)

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Deutsche Version:
Beschleunigter Zerfall

Makroskop, 18. März, 2021

Eine Art Götterdämmerung ist möglicherweise nicht so weit entfernt, wie man vor einem Jahr noch gedacht haben mag.

Frühling liegt in der Luft, und in Brüssel sollte jetzt reges Treiben herrschen. Man erinnert sich an von der Leyens Next Generation EU, kurz NGEU, den 750 Milliarden Corona Recovery Fund, aufgeteilt nach einer unverständlichen Formel zwischen den Mitgliedstaaten, allen 27 und zu borgen beim Kapital. (…)

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Arm, alt, ausländische Wurzeln

Interview mit Monika Nellessen, Allgemeine Zeitung Mainz, 13. März 2021, Seite 3.

Der Soziologe Wolfgang Streeck sagt, warum die Corona-Risiken ungleich verteilt sind und warum er findet, dass ein weiterer Lockdown nichts bringt.

KÖLN/MAINZ. Wenn es um die Pandemiebekämpfung geht, kommen meist Virologen und Mediziner zu Wort. Soziologen, die von Politikern ansonsten gerne übers Wahlvolk ausgefragt werden, finden in den Expertenrunden bislang wenig Gehör. Das führt zu mehreren Fehlschlüssen in der Anti-Corona-Strategie, meint Wolfgang Streeck, der bis zu seiner Emeritierung das Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung in Köln leitete.

Herr Prof. Streeck, gibt es eine unbequeme Wahrheit, die lautet: Alte, Arme und Menschen mit ausländischen Wurzeln haben das höchste Risiko, an Corona zu erkranken?

Das ist wohl wahr, und unbequem ist es auch. (…)

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Welchen Wissenschaftlern folgen wir in der Pandemie?

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11. Januar 2021, Feuilleton, Seite 13.

Wenn es darum geht, wie der Pandemie zu begegnen wäre, wird wissenschaftliches Expertentum als höchste Instanz beschworen. Die unterschiedlichen Disziplinen weisen aber unterschiedliche Wege. Ein Gastbeitrag.

Irgendwann im Frühjahr, auf dem Höhepunkt der ersten Welle. Ein Bekannter, in grauer Vorzeit eine politische Macht, am Telefon, so nebenbei: „Jetzt müssen Sie als Wissenschaftler doch zufrieden sein, die Politik tut, was die Wissenschaft sagt.“ Ich antworte das Übliche: Welche Wissenschaft, die vom Kollegen Drosten oder vom Kollegen Streeck, am Ende müsst doch ihr entscheiden und so weiter. Nachträglich glaube ich, er wollte nur rauskriegen, ob ich mit Letzterem verwandt bin. Das Interesse daran begegnet mir fast jeden Tag. Nein, bin ich nicht, reiner Zufall. (…)

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Staatsbildung durch die Hintertür?

Makroskop, 26. Mai 2020.

Das PSPP-Urteil hat einen grundlegenden Konflikt zwischen Bundesverfassungsgericht und Europäischen Gerichtshof ausgelöst. Es geht um nichts weniger als die Frage, ob die EU eine internationale Organisation oder ein Bundesstaat ist.

Das PSPP-Urteil (Public Sector Purchasing Program) des Bundesverfassungsgerichts hat eine weitere Bruchlinie im Aufbau der Europäischen Union freigelegt, nämlich die zwischen Rechtsordnungen mit unterschiedlichen Verfassungsrechtskonzepten. Hier gibt es Parallelen zum Vereinigten Königreich, wo ein Konzept nach EU-Muster, nach dem eine Verfassung Schritt für Schritt von einem letztinstanzlichen Gericht forteschrieben wird, mit der tief verwurzelten Tradition des Regierens durch das Parlament kollidierte, was zum Brexit beitrug. (…)

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Versión española:
¿Construir el Estado a hurtadillas?

El Salto, 20 de mayo, 2020.

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English version:
State-building by stealth?

Letters from Europe, May 20, 2020.

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Die Zeitbombe ist der Zerfall Italiens

Interview mit Thomas Thiel, Frankfurter Algemeine Zeitung, Mai 6, 2020.

Die nächste Euro-Krise steht bevor. Reichen die alten Instrumente? Ein Gespräch mit dem Soziologen Wolfgang Streeck über die Folgen von Corona für die Europäische Union.

Die Krisen der letzten zwanzig Jahre waren globale Phänomen mit hoher Ausbreitungsgeschwindigkeit. Dadurch hat sich eine gewisse Exekutivlastigkeit im politischen Handeln etabliert. Sind die Staaten dem Tempo der globalen Entwicklungen nicht gewachsen?

Die Staaten sind gegenüber dem rapiden Globalisierungsprozess nicht wetterfest gemacht worden. Globalisierung hat nicht nur Nutzen, sondern auch Kosten. Staaten in der Globalisierung müssen nicht nur ihre sozialen Sicherungssysteme und ihre Bildungssysteme ausbauen, sondern auch ihre Gesundheitssysteme. Die meisten Regierungen haben das heruntergespielt oder die fälligen Ausgaben in die Zukunft verschoben. So wurden in den letzten dreißig Jahren die Kosten der Globalisierung immer mehr durch Schulden statt durch Steuern finanziert. Es wurden und werden riesige Schuldenberge aufgebaut, die von Krise zu Krise gewachsen sind. (…)

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