Sterben für SACEUR?

In: Jacobin, 26. Juli 2026

Darf ein Staat Kriegsdienst von seinen Bürgern verlangen, wenn er nicht alles für den Frieden unternimmt – und nicht einmal über das Oberkommando über seine eigenen Streitkräfte verfügt? Die angebahnte Rückkehr zur Wehrpflicht wirft Fragen auf.

Anfang Dezember 2025 gelang es der Regierung Merz/Klingbeil, angeführt von ihrem populärsten Minister, einem Sozialdemokraten, unter Berufung auf Putin und seine kriegerischen Absichten – so sehr anders als die friedlichen Absichten von Bush, Obama, Biden und Trump – ein »Gesetz zur Modernisierung des Wehrdienstes« verabschieden zu lassen. Das Gesetz ermöglicht es, mangels Freiwilligen die Wehrpflicht wiederzubeleben.

Ein Vierteljahr später kam es zu einer scharfen öffentlichen Kontroverse über die im Gesetz vorgesehene Genehmigungspflicht von Auslandsreisen wehrfähiger junger Männer (Paragraf 3, Absatz 2: »Männliche Personen haben nach Vollendung des 17. Lebensjahres eine Genehmigung des zuständigen Karrierecenters der Bundeswehr einzuholen, wenn sie die Bundesrepublik Deutschland länger als drei Monate verlassen wollen«). Offenbar hatte kein Abgeordneter, auch nicht von der Opposition, den Gesetzentwurf im Eifer des Gefechts wirklich gelesen; eine Diskussion der neuen Genehmigungspflicht hatte es im Bundestag nicht gegeben; tatsächlich wurde der betreffende Paragraph in den Debatten nicht ein einziges Mal erwähnt…..

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Notizen zur politischen Ökonomie des Krieges

Berlin Review, 25. Mai 2026

Vorveröffentlichung aus «Gewaltbereit: Essays zur Zeitenwende» lmverlag, August 2026

In Kriegen geht es um Töten und Sterben. Das macht sie zu leidenschaftlichen Angelegenheiten, die an das Metaphysische grenzen. Vor Ort auf dem Schlachtfeld gibt es keine technokratischen Kriege, die sauber und kühl mit der Haager Landkriegsordnung in der Hand abgewickelt werden. Wenn Soldaten vor der Wahl stehen, ein Kriegsverbrechen zu begehen oder zu sterben, denken sie nicht lange nach. Sie können auch nicht anders als diejenigen zu hassen, die Befehl haben, sie zu töten, was es einfacher macht, sie vorsichtshalber zuerst zu töten. Die Familien in der Heimat werden es verzeihen; es ist besser, wenn der Feind stirbt als der Sohn, Ehemann oder Vater. Strafverfolgung von Soldaten aufgrund von Kriegsverbrechen durch ihr eigenes Land ist selten; noch seltener kommt es zu einer Verurteilung; im Krieg geht Kampfmoral vor Moral.

Kriege ernähren sich selbst, von sich selbst…

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English version:

Notes on the Political Economy of War

In: Berlin Review, May 25, 2026.

Excerpt from Zeitenwende: Prone to Violence by Wolfgang Streeck, forthcoming from Verso Books in the fall of 2026.

Wars are about killing and getting killed. This makes them passionate affairs, bordering on the metaphysical. When it comes to combat on the ground, there are no technocratic wars, clean and cool, conducted on the battlefield with the Hague Land Warfare Convention in hand. If the choice is between committing a war crime and dying, soldiers don’t think long. They also cannot but ultimately hate those who are out to kill them, which makes it easier to kill them first as a precaution. Families back home will forgive; it is better if the enemy dies than their son, husband, or father. Prosecution of soldiers by their country for war crimes is rare; even rarer is conviction, morale being more important in war than morals.

Wars feed on themselves. (…)

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Nach den Wahlen ist vor den Wahlen

In: Jacobin, 09. April 2026

Die Landtagswahlen und Umfragen zeichnen ein neues politisches Bild: Die SPD stürzt ab und die AfD steigt ebenso unaufhaltsam auf, was der Union und ihrem künftigen Juniorpartner, den Grünen, sowohl Schwierigkeiten als auch Chancen bereitet.

Die Wahlen in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz haben Entwicklungen vorangetrieben, die die politische Klasse und ihre wohlwollenden Beobachter in den Medien seit langem in Angst und Schrecken versetzen. Zusätzlich haben sie neue Fragen aufgeworfen und neue Probleme erzeugt, die dem regierenden Personal das Leben noch schwerer machen werden als bisher – wenn auch nicht der FDP, der sie als erster ein unrühmliches Ende bereitet haben….

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„Amerika ist unbesiegbar und kann sich alles leisten“

Ein Interview mit Wolfgang Streeck von Michael Hesse, Frankfurter Rundschau, 28. März 2026

Herr Streeck, die Finanzmärkte spielen verrückt, die Sorgen in den Volkswirtschaften wachsen angesichts des israelisch-amerikanischen Krieges gegen den Iran. Erinnert Sie das an die 1970er Jahre und den damaligen Ölpreisschock?

Nicht sehr. Das war damals alles noch einigermaßen überschaubar: ein Produzentenkartell im Mittleren Osten. Heute sind die USA dank Fracking energiewirtschaftlich autark und können sich bedenkenlos jeden Wahnsinn leisten, einschließlich einer planmäßigen Zerstörung der Energie-Infrastruktur nicht nur des Iran, sondern aller Golfstaaten, und als Zugabe der iranischen Gesellschaft insgesamt. Damals dagegen bereiteten sich Nixon und Kissinger auf eine Annäherung an China vor, und in Deutschland verfolgte die sozialliberale Regierung Brandt/Scheel seit 1969 eine neue Entspannungspolitik, die zum Ende des Ostblocks zwei Jahrzehnte später führte….

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„Die Amerikaner werden mit den Europäern noch eine ganze Weile Schlitten fahren“

Ein Interview mit Wolfgang Streeck von Michael Hesse, Frankfurter Rundschau, 23. Januar 2026

Der Soziologe Wolfgang Streeck über Amerikas Gewaltpotenzial, die europäische Ohnmacht und den Zerfall
der alten Ordnung.

Herr Streeck, Trump hatte in seiner ersten Präsidentschaft verkündet, sich vor allem um die Amerikaner kümmern zu wollen. Erleben wir nun gerade eine Art Neo-Imperialismus der USA?

MAGA (Make America Great Again), Trumps Programm, hatte immer zwei Seiten: Repariere die kaputte amerikanische Gesellschaft oder restauriere die Weltherrschaft der USA. Welche Seite gemeint war, blieb immer offen und ist es heute noch. Einmal Isolationismus, ein andermal Interventionismus, zurzeit gerne auch beides abwechselnd oder zugleich. Eine Mischung besonderer Art ist übrigens Trumps „Donroe Doktrin“: Interventionismus beschränkt auf Mittel- und Südamerika; an sich nichts Neues. Global gesehen liefe das heute auf eine Aufteilung der Welt in gegenseitig respektierte regionale „Einflusszonen“ hinaus, in denen jeweils eine Großmacht mehr oder weniger nach Belieben schaltet und waltet. Nicht in dieses Bild passen beispielsweise die bedingungslose Unterstützung Israels in seinem Vernichtungskrieg in Gaza und der Westbank und die Drohungen, den Iran zu bombardieren (…)

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English version:

American Violence

In: New Left Review, January 28, 2026.

During his first term as president, Trump vowed to focus primarily on the American people. Are we now, by contrast, witnessing a kind of US neo-imperialism?

Trump’s programme to Make America Great Again always had these two sides: repair America’s broken society or restore US world domination. Which of these was dominant remained open and is still so today. Sometimes we have isolationism, sometimes interventionism; currently both alternately or even simultaneously. Trump’s ‘Donroe Doctrine’ is a particular version of this mixture: interventionism, but limited to Central and South America; nothing new in itself. Globally, this would amount to a division of the world into mutually respected regional ‘spheres of influence’ in which a major power more or less rules as it pleases. What does not fit into this picture is the unconditional support for Israel in its war of annihilation in Gaza and the West Bank, nor the threats to bomb Iran (…)

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Wolfgang Streeck: „Glauben Sie wirklich, amerikanische Porsche-Fahrer lassen sich von Zöllen beeindrucken?“

Ein Interview mit Wolfgang Streeck von Dorian Baganz, der Freitag, 11. April 2025.

Im Gespräch erklärt Wolfgang Streeck, warum er in Trumps Zollpolitik einen Beweis für den Niedergang der Vereinigten Staaten erkennt. Und beantwortet die Frage, ob ein Hochindustrieland wie Deutschland überhaupt überleben kann, wenn die Amerikaner seine Produkte nicht mehr kaufen wollen.

der Freitag: Herr Streeck, wenn Sie aktuell EU-Kommissionspräsident wären …

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Dieser Weg wird kein leichter sein

Soziopolis, 05. Juni 2024.

Kommentar zu „Verkaufte Zukunft. Warum der Kampf gegen den Klimawandel zu scheitern droht“ von Jens Beckert.

Es ist gut, wenn auch einmal ein Soziologe über die Klimakrise und ihre politische und ökonomische Bewältigung – oder auch Nicht-Bewältigung – schreibt, und das Feld nicht den Politikwissenschaftlern oder gar Ökonomen mit ihren technokratischen Machbarkeitsphantasien überlässt. Soziologie ist die verstehende Wissenschaft par excellence, sie sucht nach den Motiven, den wirklichen, nicht nur idealen Motiven hinter dem Handeln – nicht: Verhalten – von Menschen, konzipiert als interaktiv statt als monadisch. Von Beckert lernen wir, warum es wahrscheinlich nicht klappen wird mit einem Ende der globalen Erwärmung und verwandter Schrecken – und nicht, wie es eigentlich klappen müsste, wenn man nur mutig die richtigen Anreize ins Werk setzt und die Angereizten sich endlich eines Besseren besinnen. Gegenüber anderen Humanwissenschaften hat die Soziologie den Vorteil – sehr viele Vorteile hat sie ja nicht – dass sie als einzige über ein Gefühl für die soziale Trägheit eingelebter Alltagsverhältnisse (Max Weber) verfügt, für die Schwierigkeit, aus ihnen auszubrechen, wie sie sich freilich nur Erwachsenen erschließt, nicht den zahlreichen Kindern jeden Alters, die sich als ewig auf dem Sprung ins Gemeinfreie empfinden. (…)

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Wolfgang Streeck – From integration to cooperation. Less Europe for more Europe

Brave New Europe, March 18, 2024.

When, if not now, three months before the election of a new EU Parliament, would be the right time to ask what the ever closer union of the peoples of Europe, as habitually invoked in Brussels, should ultimately amount to – what, as the French call it, its finalité should be? Actually, this should be the question of all questions, in Brussels and in the capitals. But although it is always hovering somehow above the conference tables, it is being kept out of everyday business with astonishing virtuosity. This is because any attempt to address it could put an end to the EU-Europeans’ perennial self-deception: namely that everyone imagines the EU to be the same thing, and exactly what they themselves imagine it to be. (…)

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Versión española:
De la integración a la cooperación: menos Europa para más Europa

El Salto, 20 de marzo 2024.

Las clases políticas nacionales se aferran a la Unión Europea porque han aprendido a utilizarla como escenario para la prosecución de sus intereses nacionales.

¿Cuándo, si no ahora, a cuatro meses vista de las elecciones que conformarán el nuevo Parlamento de la Unión Europea (UE), sería el momento adecuado para preguntarse en qué debería consistir en última instancia la unión cada vez más estrecha de los pueblos de Europa, tal y como se invoca habitualmente en Bruselas, cuándo sería el momento para interrogarse sobre cuál debería ser su finalité, como les gusta expresarlo a los franceses? En realidad, ésta debería ser la pregunta de todas las preguntas tanto en Bruselas como en las capitales de los Estados miembro europeos. Sin embargo, aunque la misma siempre está flotando de algún modo por encima de las mesas de las diversas conferencias internacionales, la mencionada pregunta se mantiene al margen de los asuntos cotidianos europeos con asombrosa virtuosidad, lo cual se debe a que cualquier intento de abordarla podría poner fin al perenne autoengaño de los europeos respecto a la UE: a saber, que todo el mundo imagina que la UE es la misma cosa y que esta es exactamente lo que ellos mismos imaginan que es. (…)

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Deutsche Version:
Von Integration zu Kooperation

Jacobin, 22. März 2024.

Ein Bundesstaat Europa ist unerreichbar, der ewige Zwischenstand untragbar. Halten wird die EU nur, wenn sie Souveränität an die demokratischen Staaten rückverteilt.

Wann, wenn nicht jetzt, kurz vor der Wahl eines neuen EU-Parlaments, wäre der richtige Moment zu fragen, worauf die in Brüssel gern so genannte ever closer union among the peoples of Europe am Ende hinauslaufen soll – was, wie die Franzosen es nennen, ihre finalité sein soll? Eigentlich müsste dies die Frage aller Fragen sein, in Brüssel wie in den Hauptstädten. (…)

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Sahra Wagenknecht’s plan for peace – Why the left-wing politician wants to free Germany from Washington’s grip.

The New Statesman, February 7, 2024.

In her speech at her new party’s first national conference, Sahra Wagenknecht called on the German government to stop supplying arms to Ukraine and end the oil and gas embargo against Russia. As far as the German media reported on this at all, they treated it as a combination of naive pacifism and high-treason Putinism. But Wagenknecht’s proposals could and should have provided an ideal occasion for a long overdue debate on Germany’s national interest under the conditions of the collapse of the US-dominated New World Order, a debate that is stubbornly refused by the established parties and their public. (…)

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Deutsche Version:
Wolfgang Streeck zu Ukraine-Krieg: Nibelungentreue und ihre Gefahren

Frankfurter Rundschau, 2. Februar 2024.

Das „Bündnis Sahra Wagenknecht“ und die Notwendigkeit einer neuen deutschen Sicherheitspolitik. Von Wolfgang Streeck.

In ihrer Rede auf dem Europaparteitag ihrer Partei forderte Sahra Wagenknecht die Bundesregierung auf, die Waffenlieferungen an die Ukraine einzustellen und das Öl- und Gasembargo gegen Russland zu beenden. Soweit die deutschen Medien darüber berichteten, reichten ihre „Einordnungen“ von naivem Pazifismus zu hochverräterischem Putinismus. Dabei könnten und müssten Wagenknechts Vorschläge Anlass zu einer längst fälligen Debatte über das nationale Interesse Deutschlands unter den Bedingungen des Zusammenbruchs der US-beherrschten Neuen Weltordnung nach 1990 sein, die von den etablierten Parteien und ihrer Öffentlichkeit hartnäckig verweigert wird. (…)

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Versión española:
Los peligros de la lealtad inquebrantable a Estados Unidos

El Salto, 26 de febrero 2024.

Se supone que Alemania debe proporcionar los medios necesarios para lograr una victoria ucraniana. El problema, para Alemania en particular, es que ello va mucho más allá de los límites de lo posible. La vía para que Alemania se asegure la paz en lugar de la guerra es liberarse del control geoestratégico de Estados Unidos.

En el discurso pronunciado en la primera conferencia nacional de su nuevo partido, Sahra Wagenknecht pidió al gobierno alemán que dejara de suministrar armas a Ucrania y pusiera fin al embargo de petróleo y gas impuesto a Rusia. En la medida en que los medios de comunicación alemanes informaron sobre ello, abordaron la propuesta como una combinación de pacifismo ingenuo y putinismo de alta traición. Las propuestas de Wagenknecht podrían y deberían haber proporcionado, sin embargo, una ocasión ideal para desencadenar un debate acuciantemente debido sobre el interés nacional de Alemania en las actuales condiciones de colapso del Nuevo Orden Mundial dominado por Estados Unidos, un debate que los partidos establecidos y sus electorados rechazan obstinadamente afrontar. (…)

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Lechts oder Rinks? …eine dialogische Orientierung

International, 14. Dezember 2023.

Von Wolfgang Streeck & Gabriele Matzner

Anlaß und Hintergrund dieses Zwiegesprächs ist zwar der Zoff in der deutschen LINKEN nach S. Wagenknechts angekündigter Verselbständigung, darüber hinaus sind es aber auch der Zustand und die Aussichten linker Parteien und Politik im Allgemeinen und in Europa. (…)

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