„Order is an exception, not the rule“

Interview, Revue de la régulation, July 29, 2016

What kind of topics and scholars exerted the heaviest influence on you in your formative years both in Germany (Frankfurt) and the US (New York Columbia University)?

I cannot claim that my intellectual development was straightforward. Also, I always was an intellectual omnivore, and I was and remained for a long time unable to make up my mind on whether I was more interested in social science or in the practice of politics. In Frankfurt it took me a while to find my first set of topics, which was political organizations, interest associations, in particular trade unions, and industrial sociology, especially the study of worker participation and co-determination. Apart from this, I read social theory, in particular Marx, Weber and Parsons, and attended classes taught by Adorno, Habermas, Offe and others. I also spent a lot of time, with hindsight perhaps too much time, in radical politics, at least as much in the Social-Democratic Party and in IG Metall as on campus. (…) Continue

Die Schlafwandler halten Kurs

TAZ.am Wochenende, 16./17. Juli 2016, Seite 11

Was wäre geschehen, wenn das britische Referendum andersherum ausgegangen wäre: 52 Prozent für Remain, 48 Prozent für Leave? EU-Parlementspräsident Schulz hätte die sofortige Vollendung der Währungsunion gefordert, und Kommissionspräsident Juncker hätte mitgeteilt, dass das Freihandelsabkommen Ceta nur „Europa“ etwas angeht, nicht die nationalen Parlamente. Die Außenminister von Deutschland und Frankreich hätten den nächsten Schritt zur ever closer union among the peoples of Europe angekündigt, und Schulz hätte gefordert, den Augenblick zu nutzen, um die Europäische Kommission in eine vom Europäischen Parlament gewählte Regierung umzuwandeln. Weiterlesen

After the British Referendum

London Review of Books, Vol. 38, No. 14, July 14, 2016. Contribution to a collection of responses to the referendum, pp. 8-15.

The decomposition of the modern state has reached a new stage, in the very country where the modern state was invented. It was the UK under Thatcher that blocked the development of the EU into a supranational welfare state on the postwar British model associated with Keynes, Beveridge and T.H. Marshall. Since then the neoliberal revolution, led by the US and the UK, has for ever closed this window. Instead of protecting Europeans from the maelstrom of the world market, the EU has turned into a powerful engine of liberalisation in the service of a deep economistic restructuring of social life. Under the aegis of the EU, the UK has reverted to being two nations, a nation of winners using the globalised world as their extended playing field, and a nation of losers driven from their commons by another firestorm of primitive accumulation. Seeking refuge in democratic protection, popular rule, local autonomy, collective goods and egalitarian traditions, the losers under neoliberal internationalism, unexpectedly returning to political participation, place their hopes on their nation-state. But the existing architecture of statehood is no longer designed to accommodate them, certainly not in the land of Thatcher, Blair and Cameron. Here, those lucky enough to command subnational political and institutional resources, in Scotland in particular, hope to use the EU’s supranational state regime to break up the national state regime of the UK, nota bene to regain and extend local control, and clearly not to cede it to an authority even more remote than London. Weiterlesen

Einstürzende Neubauten: Reflexionen zum britischen Austritt

Erschienen in: Die Zeit vom 30. Juni 2016 auf Seite 40 unter dem Titel „Ist der Brexit denn wirklich so schlimm? Nein. Die Briten pfeifen zu Recht auf den Finanzinternationalismus ihrer Eliten.“ (online hier)

English translation published on Verso Books Blog.

Man wird abwarten müssen, ob die deutschen „Europäer“ aus dem Ausgang des britischen Referendums etwas lernen werden. Viel Hoffnung besteht nicht; in ersten Reaktionen wurde dem Land von William Shakespeare und Adam Smith, von Newton und Hobbes, Händel und Marx bescheinigt, dass es eigentlich nie wirklich zu Europa gehört hat – offenbar aber wir. Dabei liegt für jeden außerhalb des Bannkreises des deutschen Nebels auf der Hand, dass ähnliche Abstimmungen in einer ganzen Reihe von Ländern ähnlich ausgegangen wären: Dänemark, Niederlande, Österreich, Ungarn, Italien, nicht zuletzt Frankreich. Die Europäische Union, so wie wir sie kennen, als institutioneller Rahmen einer „europäischen Integration“, wie die Deutschen sie sich vorgestellt haben, erlebt ihre Götterdämmerung, und wer es nicht glauben will, läuft Gefahr, von ihren einstürzenden Neubauten begraben zu werden.  Weiterlesen

Entkoppelt. Kapitalismus und Demokratie im neoliberalen Zeitalter

Öffentlicher Abendvortrag bei der Fachtagung der Sektionen Politische Theorie und Ideengeschichte und Politische Ökonomie der Deutschen Vereinigung für Politische Wissenschaft, „Ziemlich beste Feinde. Das spannungsreiche Verhältnis von Demokratie und Kapitalismus“, Darmstadt, 23. bis 26. Juni 2016.

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Wieso Europa so nicht funktionieren kann

Interview, OXI Blog, 28. Mai 2016

In Ihrem furiosen Essay »Merkels neue Kleider« beklagen Sie eine geistige Engführung zu mehreren bedeutenden Themen in Deutschland, unter anderem in der Frage der Flüchtlingspolitik, aber auch in Fragen der Wirtschafts- und Europapolitik. Gab es Reaktionen und wenn ja, welche?

In meinem Aufsatz geht es um die von innenpolitischen Motiven getriebene extreme Flatterhaftigkeit der deutschen Politik, die, in Verbindung mit einer nahezu vollständigen Abwesenheit oppositionellen Nachfragens, die Beziehungen Deutschlands zu seinen europäischen Nachbarn zerrüttet. Des Weiteren geht es um die erstaunlich weit verbreitete Überzeugung in Deutschland, dass alle Europäer die deutschen Grundüberzeugungen über »Europa« teilen, insbesondere über die Vorteile einer harten Währung und die Verzichtbarkeit nationaler Souveränität. Ich halte dies für gefährlich – vor allem auch für »Europa« – und habe das deutlich gesagt. Die Reaktionen, die bei mir angekommen sind, waren weit überwiegend enthusiastisch. Es gab vereinzelt, etwa in der Wochenzeitung Die Zeit, die Klischee-Reaktion, die ich in meinem Aufsatz als Teil der Krankheit der deutschen Öffentlichkeit beschrieben habe: nämlich jemanden, der so etwas sagt, als Vorschubleister für die AfD beziehungsweise als Sozialnationalist zu denunzieren. (Weiterlesen auf oxiblog.de)