Conversation on States and Markets (with Marion Fourcade)

ASA Economic Sociology Section Newsletter, Fall 2015, pp. 10-16

A perennial question in economic sociology is the relationship between the state and economy, which most economic sociologists conceptualize as co-constitutive. How would you characterize your own take on the relationship between the state and economy, and states and markets? What are some unexplored questions or problems we should be discussing/studying? Where should future research turn?

Wolfgang Streeck: I prefer to speak of either “the state and the market” or “the state and capitalism”. “The market” is shorthand for a mode of governance (free contracts at prices set by supply and demand) while “capitalism” refers to a particular power structure in society (private ownership of the means of production, private accumulation of capital). ”The state and the market” refers to the multifaceted relationship between two modes of allocation (distribution), whereas “the state and capitalism” refers to the equally multifaceted relationship between two different kinds of power (political and economic), or between citizenship and property rights, etc. (…)

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Warum der Euro Europa spaltet statt es zu einigen

Leviathan, Jg. 43 (2015), Heft 3, 365-386 (Online-Zugriff hier)

Basierend auf einem Vortrag in der Reihe „Distinguished Lectures in the Social Sciences“  am Wissenschaftszentrum Berlin, 21. April 2015

Zu den besonders ausführlich behandelten Themen im zweiten Kapitel von Max Webers monumentalem Werk Wirtschaft und Gesellschaft, überschrieben “Soziologische Grundkategorien des Wirtschaftens“ (1956 [1920]), gehört das Geld. Für den Soziologen Weber wird Geld zu Geld kraft einer „Verbandsordnung“ (ibid., 54), auch „Geldordnung“ (ibid., 125) oder „Geldverfassung“ (ibid., 145), die unter modernen Bedingungen, so Weber im Anschluss an Knapps Staatliche Theorie des Geldes (1905), nur eine von einem Staat monopolisierte sein könne (ibid., 125). Geld ist eine in einem Herrschaftsverband – ein weiterer zentraler Weberscher Begriff – ein- und durchgesetzte politisch-ökonomische Institution, die wie alle Institutionen bestimmte Interessen privilegiert und andere benachteiligt. Dies macht es zum Gegenstand gesellschaftlichen „Kampfes“ bzw., als wirtschaftliche Institution, zu einer Ressource in dem, was Weber als „Marktkampf“ bezeichnet. (…)

Vortrag und Diskussion als Video hier.


English version

New Left Review, Vol. 95, September-October 2015, pp. 5-26 (access here)


Version française

Contretemps, N° 31, Novembre 2016 (Lire la suite)

„Barely disguised oligarchies“

Appeared, in Italian, in L’Eco di Bergamo, May 15, 2015

How do you interpret the current economic-financial crisis in part of the western world?

It is a return to the normal condition of capitalism: instability, uncertainty, unpredictability, a permanent conflict between social justice and the justice of the market. The return began in the 1970s with the breakdown of the postwar order. The three decades after the war were an exceptional period. Since then, a crisis sequence has begun brought inflation, public debt, private debt, secular stagnation and anarchic money production. The financial crisis of 2008 was the high point up now. More such high points are coming. Weiterlesen

„Alles kommt einmal zum Ende“

Gespräch mit Mathias Greffrath im Deutschlandfunk, 12. April 2015

Wolfgang Streeck, Sie sind emeritierter Direktor am Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung in Köln. Vor zwei Jahren haben Sie ein Buch geschrieben, „Gekaufte Zeit: Die vertagte Krise des demokratischen Kapitalismus“. Und vor einem Jahr erschien ein Aufsatz mit dem Titel „Wie wird der Kapitalismus enden?“ Nicht, ob er enden wird, ist da die Frage, sondern wie er enden wird. Das ist ja eigentlich eine starke Aussage. Sie sind Soziologe. Was unterscheidet eigentlich den Blick eines Soziologen auf die Krise und auf den Kapitalismus vom Blick eines Ökonomen?

Also zunächst mal würde ich sagen: Was der Soziologe kann und der Ökonom können sollte, ist, seine Beobachtung in einen historischen Kontext zu setzen. Das anscheinend Sensationelle des Gedankens über das Ende des Kapitalismus ist ja eigentlich nur, dass man sich klar macht, dass diese Gesellschaftsformation irgendwann Anfang des 19. Jahrhunderts in Europa und Amerika angefangen hat, und alles, was geschichtlich anfängt, steht in dem Verdacht, dass es irgendwann auch mal zum Ende kommt. Und ich denke, dass auch die Ökonomen eigentlich – und die klassische Ökonomie hat das ja gewusst. Die klassische Ökonomie hat ja immer auch über den Übergang zu einer neuen Gesellschaftsformation in einer dynamischen, modernen Gesellschaft spekuliert, das beginnt mit Ricardo, Marx, Sombart, was weiß ich alles. Und insofern ist das gar nicht dramatisch. Dass man heute Gründe hat, darüber verschärft nachzudenken, darüber werden wir uns ja noch unterhalten. (…)

Audio-Mitschnitt hier

Afraid of the Capitalist Victory

Klassekampen, Oslo, January 15, 2015 (in Norwegian)

As I understand it one of the main arguments in your book, „Gekaufte Zeit“, is that we now experience a rise of a new form of capitalism in the western world. A form of capitalism which evades democratic procedures. What is the main problem with western democracies? And is it possible to restore the balance between democracy and capitalism?

The so-called postwar settlement in Western capitalist democracies involved a state capable of correcting the distributional outcomes of markets. In exchange for its reinstatement after the disasters of the first half of the century, capitalism had to produce public benefits such as full employment, a growing welfare state, social security, steadily rising incomes, and a gradual reduction of inequality. For several decades now, Western capitalist economies have no longer been able to deliver on these promises. Growth is declining, inequality increasing, public and private debt is rising, so are economic risks, and crises are becoming more severe and disruptive. The new doctrine of economic policy is higher rewards for the winners and greater punishments for the losers – redistribution from bottom to top – rather than growth by stabilizing and expanding aggregate demand through steady increases in mass incomes: from Keynesianism to neoliberalism. For this purpose economic decision-making has to be taken away from democratically elected parliaments and accountable governments, to be relocated in international organizations and institutions as well as in “independent” central banks. As I said, these are trends that have been going on for decades. I cannot see how they could easily be reversed in the near future. Weiterlesen

„Das kann nicht gutgehen mit dem Kapitalismus“

Wirtschaftswoche Online, 8. Januar 2015

Herr Streeck, Sie kündigen das nahende Ende des Kapitalismus an. Wie kann ein Gesellschaftssystem enden, das den meisten Menschen auf der Welt alternativlos scheint und das kaum jemand abschaffen will?

Zunächst habe ich einfach darauf aufmerksam gemacht, dass auch der Kapitalismus ein historisches Phänomen ist. Als Gesellschaftsordnung ist er nicht älter als rund zwei Jahrhunderte. Was einen Anfang hat, hat auch ein Ende. Allerdings müssen wir uns frei machen von dem Fortschrittsglauben, der noch aus dem 19. Jahrhundert stammt. Dieser besagt, dass eine Gesellschaft nur enden kann, wenn sie von einer besseren abgelöst wird. Ich glaube, dass es gute Gründe dafür gibt, anzunehmen, dass der Kapitalismus nicht durch eine Revolution abgeschafft oder überwunden wird, sondern von selbst verendet. Es gibt viele Symptome des Niedergangs, aber am wichtigsten sind drei langfristige Trends in den hochentwickelten, kapitalistischen Ländern. Weiterlesen

Abschiedsvorlesung: „Gesellschaftssteuerung heute“

Abschiedsvorlesung als Direktor am Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung, Köln, 30. Oktober 2014

Blätter für deutsche und internationale Politik 1/2015, 63-80

Als ich anfing, Soziologie zu studieren, im Jahr 1966, habe ich mir das Fach mehr oder weniger als wissenschaftliche Anleitung zur Verbesserung der gesellschaftlichen Verhältnisse vorgestellt. Im Hintergrund meiner Entscheidung für die Soziologie stand eine Überzeugung, die sich irgendwie in den Teilen meiner Generation verbreitet hatte, die später die „68er“ genannt werden sollten: dass die demokratischen Freiheiten, die sozialen Rechte der „kleinen Leute“ und die neue Friedfertigkeit der damaligen Gesellschaft prekär waren und verteidigt werden mussten; dass dies von den damals Regierenden nicht unbedingt zu erwarten war; und dass ohne breite politische Beteiligung von unten die Katastrophen der nahen Vergangenheit, die man nicht mehr miterlebt hatte, deren Spuren aber noch überall zu besichtigen waren, sich wiederholen könnten. Von der Soziologie insbesondere erhoffte man sich Aufklärung über den tatsächlichen Charakter der Gesellschaft, in der man lebte: über das, was einem von denen, die Bescheid wussten, verschwiegen wurde, und darüber, welche Kräfte einer besseren Zukunft im Wege standen und wie man mit diesen fertig werden konnte – ein Wissen, das man an diejenigen weitergeben wollte, die noch keinen Zugang zu ihm hatten. Theoretische, politische und technische Fragen verschoben sich ineinander und waren am Ende nicht mehr zu unterscheiden: Wie war es um die tatsächlichen Machtverhältnisse in der Nachkriegsgesellschaft bestellt? Wer regierte wirklich? Was stand hinter dem Antikommunismus der Lehrpläne und der herrschenden Rhetorik? Was musste man lernen, was musste wer tun, um autoritäre Traditionen zu beenden, den gesellschaftlichen Fortschritt voranzubringen und der Ungleichheit der Klassenlagen und Lebenschancen ein Ende zu setzen? (…)

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Capitalism, neo-liberalism and democracy: Wolfgang Streeck interviewed by Ben Jackson

Interview in Renewal 22 (3/4), Fall 2014

In your new book Buying Time (Streeck, 2014) you take as a starting point the theories of authors such as Jürgen Habermas, Claus Offe and James O’Connor from the 1970s. Such authors wrote about an emergent crisis of legitimacy for capitalism, but their arguments were undermined by the apparent popular capitalist revival of the 1980s and 1990s. Why do you think it is worth returning to these authors and how do you want to adapt their ideas to analyse the present conjuncture?

Failed theories can be instructive, provided they are well-structured and conceptually transparent. From the crisis theories of the 1970s we can learn that it is a mistake to under-estimate the agency of capital while over-estimating popular demands under capitalism for substantive legitimacy. With hindsight we can see that the capitalist economy, rather than having been transformed into a technocratic wealth-producing machine as the Frankfurt School had come to believe, had remained a site of class struggle from above, with highly class-conscious and profit-conscious capitalists. And we can also see that the new consumerism that began in the 1970s went a very long way, and still does, to procure, if not legitimacy, then at least compliance with the laws of capital accumulation. Neither the re-awakening of capitalists as a class nor the rise of consumerism was on the radar screen of ‘Critical Theory’. Weiterlesen