Capitalism, neo-liberalism and democracy: Wolfgang Streeck interviewed by Ben Jackson

Interview in Renewal 22 (3/4), Fall 2014

In your new book Buying Time (Streeck, 2014) you take as a starting point the theories of authors such as Jürgen Habermas, Claus Offe and James O’Connor from the 1970s. Such authors wrote about an emergent crisis of legitimacy for capitalism, but their arguments were undermined by the apparent popular capitalist revival of the 1980s and 1990s. Why do you think it is worth returning to these authors and how do you want to adapt their ideas to analyse the present conjuncture?

Failed theories can be instructive, provided they are well-structured and conceptually transparent. From the crisis theories of the 1970s we can learn that it is a mistake to under-estimate the agency of capital while over-estimating popular demands under capitalism for substantive legitimacy. With hindsight we can see that the capitalist economy, rather than having been transformed into a technocratic wealth-producing machine as the Frankfurt School had come to believe, had remained a site of class struggle from above, with highly class-conscious and profit-conscious capitalists. And we can also see that the new consumerism that began in the 1970s went a very long way, and still does, to procure, if not legitimacy, then at least compliance with the laws of capital accumulation. Neither the re-awakening of capitalists as a class nor the rise of consumerism was on the radar screen of ‘Critical Theory’. Weiterlesen

The Politics of Exit

Review of Peter Mair, Ruling the Void: The Hollowing of Western Democracy, Verso: London and New York, 2013

New Left Review, Vol. 88, July and August 2014, pp. 121-129

Much of what is now mainstream political science tends to be rather boring. Following the lead of American departments and journals, research on issues of real intrinsic interest, such as the changing character of political parties, seems to be stuck in endless attempts to model the choice between office-seeking and policy-seeking, the interaction between ‘vote-maximizing’ parties and ‘utility-maximizing’ voters, the organization of voter preferences or the dynamics of coalition formation — all in timelessly general property spaces, designed to lend themselves to representation by complex sets of formal equations.

There are, however, exceptions. Among the most remarkable of these, until his untimely death in the summer of 2011, was Peter Mair, professor of comparative politics at the European University Institute in Florence. Widely respected, especially on the European side of his profession, Mair preserved a keen understanding of both the history and the purpose of the study of democracy. (…)

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How Will Capitalism End?

Published in New Left Review 87, May-June 2014 (Download [PDF]). Deutsch in Blätter für deutsche und internationale Politik, März und April 2015 (Download [PDF]). Französisch in Le Débat, Numéro 189, Mars-Avril 2016 (Zugriff [Paywall]).

Presented at the British Academy, London, January 23, 2014 (further information).

The SPD under Merkel

thecurrentmoment, June 2, 2014

Since the fall of 2013 Germany has been governed by a Grand Coalition, led by the Christian Democrats under Angela Merkel and including as junior partner the Social Democrats under Sigmar Gabriel. Arguably the union of Black and Red was nothing more than the formalization of an informal cohabitation that had followed the end of the first Grand Coalition of the new century in 2009. Now that the opposition in the Bundestag has been reduced to a tiny and politically dispersed minority, it seems not much of an exaggeration to consider the government firmly in the hands of a centrist national unity party into which the two former Volksparteien have peacefully dissolved. Weiterlesen

Liberalisierungsmaschine Europa

Carta, 6. Januar 2014

Wie steht es um die Finanzkrise in Europa? Aus Griechenland, Spanien und Portugal erreichen uns weiter schlechte Nachrichten, aber der DAX hat zum Jahresende einen Höchststand erreicht, und der große Crash, etwa eine Staatspleite Griechenlands, ist bislang ausgeblieben. Hat die Politik die Krise irgendwie doch halbwegs in den Griff bekommen?

Dem DAX ist es auch bis kurz vor 2008 sehr gut gegangen. Blasen erkennt man erst, wenn sie platzen. Ob ein griechischer Staatsbankrott ein „großer Crash“ gewesen wäre und für wen, weiß man nicht. „Die Politik“ hat gar nichts „in den Griff bekommen“; es war die Zentralbank und ihr Versprechen, unbegrenzt „Liquidität“ zu produzieren, die die Gold- und Geldmänner beruhigt hat. Man kann aber nur eine begrenzte Zeitlang unbegrenzt Geld produzieren; auch das könnte eine Lehre aus 2008 sein. Allerdings weiß man nicht, wie man von dem Tiger, auf dem man reitet, ohne gesundheitliche Schäden wieder absteigt. Weiterlesen

Der demokratische Kapitalismus lebt von geliehener Zeit

Dagbladet, 6. Juli 2013 (auf Dänisch veröffentlicht in Ausschnitten; im Folgenden das ganze Interview)

Ich habe in Erinnerung, dass die dänische Staatsministerin bei ihrem Antrittsbesuch bei Frau Merkel die Eurokrise als „Disziplinkrise” diagnostiziert hat. In welchem Maße treibt diese Diagnose die politische Elite in Europa immer noch? Gibt es eine wohlbegründete Hoffnung, dass die politische Elite Europas eine andere Diagnose befürworten könnte – und wenn nicht, wieso?

In Wahrheit entsteht die Krise natürlich nicht durch mangelnde Disziplin, sondern durch unterschiedliche Wettbewerbsfähigkeit. Der Euro zwingt die Weichwährungsländer der europäischen Peripherie unter ein Hartwährungsregime, unter dessen Diktat sie viel Geld von außen brauchen, wenn sie nicht immer weiter zurückfallen sollen. Aus nördlichen Steuergeldern ließ und lässt sich das nicht finanzieren; deshalb war man damals froh, dass die Währungsunion den Südländern zu erheblich verbesserten Konditionen Zugang zu den internationalen Kreditmärkten verschaffte. So konnten sie sich dann deutsche und andere Exportgüter leisten. Jeder hat gesehen, wie die Länder der Peripherie, ob Staaten oder Banken oder Unternehmen, um 2000 herum begannen, sich mit billigem Geld vollzusaugen, oft zu negativen Realzinsen, das ihnen von den Goldmännern bereitwillig zur Verfügung gestellt wurde. Bereitwillig, weil man Gründe hatte zu glauben, dass der Norden – No-Bailout-Klausel hin oder her – im Zweifelsfall dazu gebracht werden könnte einzuspringen. Das tut er nun ja auch – nur dass es indirekt hinter verschlossenen Tresortüren durch Geldschöpfung im Arkanbereich der EZB passiert. Weiterlesen

Moral Categories in the Financial Crisis

With Marion Fourcade, Philippe Steiner and Cornelia Woll. In: Socio-Economic Review, Vol. 11 (2013), No. 3, 601-627. Also as Discussion Paper 13/1, Max Planck Sciences Po Center on Coping with Instability in Market Societies, June 2013

Abstract: Karl Marx observed long ago that all economic struggles invite moral struggles, or masquerade as such. The reverse may be true as well: deep moral-political conflicts may be waged through the manipulation of economic resources. Using the recent financial and Eurozone crises as empirical backgrounds, the four papers gathered here propose four different perspectives on the play of moral judgments in the economy, and call for broader and more systematic scholarly engagement with this issue. Focusing on executive compensation, bank bailouts, and the sovereign debt crisis, the symposium builds on a roundtable discussion held at the opening of the Max Planck Sciences Po Center on Coping with Instability in Market Societies (MaxPo) in Paris on November 29, 2012.

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„Die Währungsunion treibt die Länder Europas auseinander“

Goethe Institut Online, Juni 2013

Herr Professor Streeck, Märchen sind schön, manchmal auch schaurig, haben aber alle eines gemeinsam – sie sind frei erfunden. Ist die Geschichte, die man uns vor der Einführung des Euro erzählt hat, nämlich dass die gemeinsame Währung die europäische Einigung vertiefen werde, so gesehen auch nur ein Märchen?

Es war eine Hoffnung — allerdings eine von Land zu Land verschiedene. Frankreich und andere versprachen sich von der Währungsunion ein Ende der deutschen Dominanz in der Geldpolitik, während Deutschland auf eine Europäisierung seiner traditionellen Hartwährungspolitik hoffte. Heute, nach zehn Jahren Gemeinschaftswährung, lässt sich dieser Konflikt endgültig nicht länger unter den Formelkompromissen der 1990er Jahre verstecken. Während die deutsche Wirtschaft mit ihrer stark auf die verarbeitende Industrie ausgerichteten Struktur gut mit einer restriktiven Geldpolitik zurechtkommt, sind andere Länder der Eurozone unter solchen Bedingungen nicht „wettbewerbsfähig“ und drohen immer weiter zurückfallen. Mit dem guten Rat, der ihnen aus Berlin und Brüssel aufgedrängt wird — sich durch „Strukturreformen“ nach deutschen Vorbild markt- und eurofähig umzubauen — können sie aus vielerlei Gründen nichts anfangen. So treibt die Währungsunion die Länder Europas auseinander, statt sie zusammenzuführen. Weiterlesen

„Der Euro ruiniert die Peripherie“

Der Freitag, 6. Juni 2013 

Herr Streeck, nicht nur ist die deutsche Wirtschaft ein Exportwunder, wir nähern uns sogar der Vollbeschäftigung. Wie passt das mit Ihrer Krisendiagnose zusammen?

Das deutsche Beschäftigungsniveau ist ein Phänomen, das nur innerhalb des Eurolandes verstanden werden kann. Es ist ungefähr so wie zur Zeit der hohen Arbeitslosigkeit in Deutschland, als in Baden-Württemberg Vollbeschäftigung herrschte und andere Teile des Landes, Stichwort Neue Länder, mit 20 Prozent Arbeitslosigkeit zu kämpfen hatten. Will heißen: Unser Wohlstand muss in einem größeren Zusammenhang gesehen werden. Wir haben es mit einem hohen regionalen Ungleichgewicht innerhalb des einheitlichen Wirtschaftsraums der Währungsunion zu tun. Weiterlesen