Wenn die EU untergeht, wird keiner weinen

Kein Ende mit Schrecken. Aber ein Schrecken ohne Ende?

Die Zeit, 13. Oktober 2016, Seite 47

Steht die Europäische Union, von ihren Betreibern „Europa“ genannt, vor dem Ende? Wird sie an der Krisenkonjunktur unserer Tage zerbrechen – dem britischen Austritt, den Flüchtlingen, dem unaufhaltsamen wirtschaftlichen Abrutschen des Mittelmeerraums, der sich ankündigenden deutschen und italienischen Bankenkrise? So schnell verschwinden Institutionen nicht; eher geraten sie außer Gebrauch, verfallen, werden umgenutzt, ausgeschlachtet, überbaut. Das kann sich hinziehen, und wenn es gut geht, wird daraus ein gleitender Übergang zu einer neuen Ordnung, eine Reform ohne Reformer. Ebenso möglich aber ist ein dauerhafter Ordnungsverlust, ein normalisierter Stellungs- und Abnutzungskrieg, der sich selbst verlängert, indem er jeden guten Willen zu einem Neuanfang zerstört. (…)

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Europa braucht die Nation

Die Zeit, 15. September 2016, Seite 26

Von Martin Höpner, Fritz W. Scharpf und Wolfgang Streeck

Der Unmut über die EU lässt sich nicht mehr ignorieren. In ihrer gegenwärtigen Gestalt behindert sie die Politik ihrer Mitgliedsstaaten und wird von diesen behindert. Die nationalen Demokratien befinden sich in einem Prozess schleichender Aushöhlung, ohne dass demokratische Prozesse auf europäischer Ebene dies ausgleichen könnten. Die EU reagiert auf politische Blockaden, indem sie Entscheidungen von hoher Tragweite den politisch niemandem verantwortlichen Autoritäten des Europäischen Gerichtshofs (EuGH), der Europäischen Zentralbank (EZB) und der Kommission überlässt, und provoziert damit wachsende Widerstände. Sie kann und darf nicht bleiben, wie sie ist. (…)

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Exploding Europe: Germany, the Refugees and the British Vote to Leave

Sheffield Political Economy Research Institute, SPERI Paper No. 31, September 2016

Postscript to Wolfgang Streeck, ‘Scenario for a Wonderful Tomorrow’, London Review of Books, Vol. 38, No. 7, 31 March 2016, pp. 7-11.

It is now clear that a major, if not the most important, reason why the British voted to leave the European Union was immigration. The United Kingdom had long had large numbers of immigrants from the Commonwealth. Accession to the European Union added the free movement of labour within the Internal Market, as one of its ‘four freedoms’. Eastern enlargement in 2004 brought a wave of immigration from Poland and other countries, promoted by the New Labour government of the day which waved the transition period allowed by the treaties and let mobility into the British labour market take effect immediately. There are reasons to believe that this was in response to longstanding skill deficits among the domestic workforce, due to under-investment in education, and generally to pressure British workers, in particular at the lower end of the wage scale, to become more ‘competitive’. The result was growing popular resentment against the government’s immigration and labour market policies, including the cosmopolitan moral rhetoric deployed in its defence. (…)

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