Wachsende Wirtschaft, schrumpfende Familien?

Beitrag der Projektgruppe „Soziale Bedingungen und Folgen flexibler Arbeitsmärkte“ zum Institutstag des Max-Planck-Institutes für Gesellschaftsforschung, 5.-6. November 2015

Einleitung (Wolfgang Streeck)
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Unsicherheiten und ihre Folgen für das Geburtenverhalten (Annina T. Hering)

Viele Kinder, keine Arbeit: Mütter an der Armutsgrenze (Sara Weckemann)

Aufzeichnung der Vorträge:

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Multimorbidität

Besprechung von: Tomáš Sedláček / Oliver Tanzer: Lilith und die Dämonen des Kapitals – Die Ökonomie auf Freuds Couch. Hanser Verlag, München 2015.

Süddeutsche Zeitung, 13. Oktober 2015, S. 23

Manchmal kann einem sogar der Kapitalismus leidtun. Andererseits braucht, wer solche Feinde hat, nun wirklich keine Freunde. Tomáš Sedláček ist spezialisiert auf die Verfertigung von Abhandlungen über das Abgründige im kapitalistischen Wirtschaftsleben, in denen er seine Leser unter anderem mit einem end- und bodenlosen klassisch-literarischen Zitatenschatz traktiert. Zugleich ist er (nebenher?) „Chief Macroeconomic Strategist“ einer tschechischen Bank und war nach eigenem Bekunden „Wirtschaftsberater“ von Präsidenten und Ministern in der Tschechischen Republik nach der Wende zum – Kapitalismus! Ein Mensch in seinem Widerspruch? (Weiterlesen auf süddeutsche.de)

Warum der Euro Europa spaltet statt es zu einigen

Leviathan, Jg. 43 (2015), Heft 3, 365-386 (Online-Zugriff hier)

Basierend auf einem Vortrag in der Reihe „Distinguished Lectures in the Social Sciences“  am Wissenschaftszentrum Berlin, 21. April 2015

Zu den besonders ausführlich behandelten Themen im zweiten Kapitel von Max Webers monumentalem Werk Wirtschaft und Gesellschaft, überschrieben “Soziologische Grundkategorien des Wirtschaftens“ (1956 [1920]), gehört das Geld. Für den Soziologen Weber wird Geld zu Geld kraft einer „Verbandsordnung“ (ibid., 54), auch „Geldordnung“ (ibid., 125) oder „Geldverfassung“ (ibid., 145), die unter modernen Bedingungen, so Weber im Anschluss an Knapps Staatliche Theorie des Geldes (1905), nur eine von einem Staat monopolisierte sein könne (ibid., 125). Geld ist eine in einem Herrschaftsverband – ein weiterer zentraler Weberscher Begriff – ein- und durchgesetzte politisch-ökonomische Institution, die wie alle Institutionen bestimmte Interessen privilegiert und andere benachteiligt. Dies macht es zum Gegenstand gesellschaftlichen „Kampfes“ bzw., als wirtschaftliche Institution, zu einer Ressource in dem, was Weber als „Marktkampf“ bezeichnet. (…)

Vortrag und Diskussion als Video hier.


English version

New Left Review, Vol. 95, September-October 2015, pp. 5-26 (access here)


Version française

Contretemps, N° 31, Novembre 2016 (Lire la suite)

Griechenlandkrise: Gefangen in der Eurozone

Debattenbeitrag für Spiegel Online, 8. Juli 2015. English translation published on Verso Books Blog.

Es gibt noch Fortschritt in Europa. Als der damalige griechische Ministerpräsident Georgios Papandreou 2011 ein Referendum über die Austeritätswünsche seiner europäischen Kollegen abhalten wollte, wurde er von diesen kurzerhand abgesetzt.

Als Nachfolger entsandten Brüssel und Berlin einen gewissen Loukas Papademos, Vertrauensmann der internationalen Finanzindustrie, der Anfang der Nullerjahre als griechischer Zentralbankchef mithalf, sein Land mit Hilfe von Goldman Sachs Euro-würdig zu rechnen. So etwas ging diesmal nicht – dank eben jener Restbestände nationaler Demokratie, die die deutschen Europhilen zugunsten einer zukünftigen „europäischen Demokratie“ suspendieren wollen. Weiterlesen →

Kunde oder Terrorist?

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 2. Juli 2014. Abgedruckt in: Frank Schirrmacher (Hg.): Technologischer Totalitarismus. Eine Debatte. Suhrkamp Verlag, Berlin 2015, S. 247-256.

Es steht nicht gut um die Demokratie. Die Wahlbeteiligung in den Ländern des Hochkapitalismus geht seit Jahrzehnten zurück; die Parteien verlieren Mitglieder und überaltern; den Gewerkschaften geht es genauso; fiskalische Konsolidierung und sklerotische öffentliche Haushalte treiben den politischen Handlungsspielraum gegen null; die „Märkte“ disziplinieren die Staaten, nicht umgekehrt; Sozial- und Wirtschaftspolitik sind längst in die Hände von Zentralbanken, Ministerräten und internationalen Organisationen übergegangen, wo sie vor dem Volkswillen sicher sind; in der Mitte der „marktkonformen Demokratie“ (Merkel) gibt es zum Neoliberalismus „keine Alternative“ (Thatcher); als Folge haben Rechts- und Protestparteien Zulauf wie nie zuvor seit dem Krieg; und was an Wahlprogrammen in Umlauf gebracht wird, wird für teures Spenden- oder Steuergeld von Marketingspezialisten hergestellt, denen egal ist, dass die Pakete, die sie verpacken, alle gleich leer sind. „Postdemokratie“, so weit das Auge reicht. Weiterlesen →

„Alles kommt einmal zum Ende“

Gespräch mit Mathias Greffrath im Deutschlandfunk, 12. April 2015

Wolfgang Streeck, Sie sind emeritierter Direktor am Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung in Köln. Vor zwei Jahren haben Sie ein Buch geschrieben, „Gekaufte Zeit: Die vertagte Krise des demokratischen Kapitalismus“. Und vor einem Jahr erschien ein Aufsatz mit dem Titel „Wie wird der Kapitalismus enden?“ Nicht, ob er enden wird, ist da die Frage, sondern wie er enden wird. Das ist ja eigentlich eine starke Aussage. Sie sind Soziologe. Was unterscheidet eigentlich den Blick eines Soziologen auf die Krise und auf den Kapitalismus vom Blick eines Ökonomen?

Also zunächst mal würde ich sagen: Was der Soziologe kann und der Ökonom können sollte, ist, seine Beobachtung in einen historischen Kontext zu setzen. Das anscheinend Sensationelle des Gedankens über das Ende des Kapitalismus ist ja eigentlich nur, dass man sich klar macht, dass diese Gesellschaftsformation irgendwann Anfang des 19. Jahrhunderts in Europa und Amerika angefangen hat, und alles, was geschichtlich anfängt, steht in dem Verdacht, dass es irgendwann auch mal zum Ende kommt. Und ich denke, dass auch die Ökonomen eigentlich – und die klassische Ökonomie hat das ja gewusst. Die klassische Ökonomie hat ja immer auch über den Übergang zu einer neuen Gesellschaftsformation in einer dynamischen, modernen Gesellschaft spekuliert, das beginnt mit Ricardo, Marx, Sombart, was weiß ich alles. Und insofern ist das gar nicht dramatisch. Dass man heute Gründe hat, darüber verschärft nachzudenken, darüber werden wir uns ja noch unterhalten. (…)

Audio-Mitschnitt hier

Governance heißt das Zauberwort, das alle Konfusion beenden soll

Besprechung von Helmut Willke, Demokratie in Zeiten der Konfusion, Suhrkamp Verlag, Berlin 2014

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 31. März 2015

An Demokratiebegriffen herrscht kein Mangel, aber mit gutem Willen kann man sie in zwei Gruppen unterteilen: Demokratie als Problemlösung und Demokratie als Umverteilung. Einmal geht es um Effizienz und Kompetenz und um Probleme der Gesellschaft als ganzer, und Demokratie ist nötig, weil sie „intelligenter“ ist (Charles Lindblom) und „pathologisches Lernen“ in den Entscheidungszentren verhindert (Karl Deutsch): eine gute Demokratie ist die beste Technokratie. Ein andermal geht es um Gerechtigkeit – oder das, was der Demos dafür hält: den Schutz der kleinen Leute vor den großen. Demokratie zieht Probleme vor, die sonst nur weit hinten kämen; erschwert die Umwandlung öffentlicher in private Gewalt; ist nicht immer intelligent, dafür aber ein Dauerrisiko für die Chefetagen; plebejisch – oder heute: „populistisch“ – statt akademisch; explosiv; unsauber wie das Leben und eine ständige Mahnung für Befehlshaber aller Art, ihre Interessen nicht für die aller anderen zu halten. Weiterlesen →

Sparen um jeden Preis

Besprechung der deutschen Übersetzung des Buchs von Mark Blyth, Austerity: The History of a Dangerous Idea (Wie Europa sich kaputtspart: Die gescheiterte Idee der Austeritätspolitik. Berlin: Verlag J.H.W. Dietz Nachf.).

Ungekürzte Fassung. Süddeutsche Zeitung, 24. Februar 2015

Was ist wichtiger in der Politik, Ideen oder Interessen? Mark Blyth, Politikwissenschaftler an der Brown University in Providence, Rhode Island, hat schon früh auf den Primat von Ideen gesetzt. Politik, so Blyth, kann falsch oder richtig sein; richtig aber nur, wenn sie nicht falschen Ideen aufsitzt. Falsche Ideen können zu Obsessionen werden; um sie auszuräumen, braucht es Wissenschaft, aber auch Rhetorik. Beides liefert Blyth in seinem zuerst 2013 und nunmehr auch auf Deutsch erschienenen eindrucksvollen Buch. Weiterlesen →